11.06.2018

Wärmewende konkret - Auftakt zum Deutsch-Dänischen Dialog Wärmenetze

11.-12.06.2018 | Stuttgart


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Rückblick
(Vorträge und Impressionen finden Sie weiter unten)

Die Auftaktveranstaltungen zum Deutsch-Dänischen Dialog Wärmenetze am 11. und 12. Juni 2018 in Stuttgart ermöglichten einen ersten Austausch dänischer und baden-württembergischer Akteure. Die wichtigsten Inhalte fasst dieser Rückblick zusammen:

In Dänemark wird die Hälfte des Wärmebedarfs einschließlich industrieller Prozesswärme über Wärmenetze bereitgestellt. Rund zwei Drittel (64 Prozent) aller privaten Haushalte sind mittlerweile an ein Wärmenetz angeschlossen, in der Hauptstadt Kopenhagen sind es sogar alle Wohnhäuser. Die Netze wachsen weiter, was sich daran zeigt, dass während der letzten drei Jahre landesweit jeweils rund 20.000 neue Wärmekunden angeschlossen wurden. Derzeit gibt es in Dänemark ca. 450 Wärmenetze, deren Größe sich in einem breiten Spektrum bewegt.

Was sind die Gründe für diese erfolgreiche Entwicklung?

Die beiden Ölkrisen während der 1970er-Jahre trafen ein Land, das bis zu diesem Zeitpunkt zu 99 Prozent vom Import von Öl und Kohle abhängig war. Die Schockwellen des damaligen Ölpreisanstiegs führten dazu, dass die Energiepolitik in Dänemark vollkommen neu gestaltet wurde. Der landesweite Ausbau von Wärmenetzen war ein wesentlicher Teil dieser Strategie, wie Morten Duedahl vom Danish Board of Distrct Heating erläuterte.

Die zentralen Erfolgsfaktoren gelten noch heute: eine konsistente Energiepolitik und eine langfristige Planung. Dazu gehören die Entwicklung eines umfassenden gesetzlichen Rahmens, die Ausrichtung der Förder- und Steuerpolitik (seit 1991 gibt es hohe Steuern auf fossile Energieträger) und ein klar definiertes Geschäftsmodell für die Fernwärmeversorgung:

  • keine Gewinne durch den Bau und Betrieb von Wärmenetzen,
  • sehr langfristige und verlässliche Entwicklungsperspektiven,
  • garantierte Kommunalkredite mit günstigen Zinssätzen für Betreiber von Wärmenetzen.

Wo soll die Reise hingehen?

Die Ziele Dänemarks für die nächsten Jahre sind, den Anschlussgrad der Fernwärmenetze auf 75 Prozent aller Wohngebäude zu erhöhen und bis 2035 die Wärmeerzeugung konsequent auf erneuerbare Energien umzustellen. Eine große Herausforderung für die Wärmenetzbetreiber wird dabei sein, mit der Abnahme des Wärmebedarfs im Gebäudebestand um 40 bis 50 Prozent aufgrund der zunehmenden Wärmedämmung fertigzuwerden. Das kann nur dann gelingen, wenn auch die Wärmenetze deutlich effizienter werden (Stichwort: Wärmenetze der 4. Generation).

Die Ziele der Wärmewende in Deutschland sind ähnlich ambitioniert wie in Dänemark. Im Klimaschutzplan der Bundesregierung ist festgeschrieben, dass bis 2050 der nicht erneuerbare Primärenergiebedarf um 80 Prozent reduziert werden soll. Im Gebäudesektor wird bis 2030 eine Absenkung der Treibhausgasemissionen um rund 40 Prozent angestrebt und bis zur Mitte des Jahrhunderts soll der Gebäudebestand nahezu klimaneutral sein. Der Vergleich zwischen dieser Zielsetzung und dem aufgrund der zu langsamen Entwicklung tatsächlich Erreichbaren zeigt sehr schnell, dass die Umsetzung der deutschen Wärmewende gefährdet ist. Ausgehend vom heutigen Stand (Anteil 2017 deutschlandweit 12,9 Prozent und in Baden-Württemberg 15,6 Prozent) müssten die erneuerbaren Energien in der Wärmeversorgung mit deutlich größerer Geschwindigkeit ausgebaut und dazu die Effizienz im Gebäudesektor spürbar gesteigert werden.

Auch wenn der Anteil der Nah- und Fernwärme in Deutschland derzeit mit 12 bis 13 Prozent noch sehr klein ist und die Wärmeerzeugung, trotz der bisher realisierten Bioenergiedörfer, zum größten Teil auf dem Einsatz von Kohle in Heizkraftwerken basiert, werden Wärmenetze in Zukunft auch in der deutschen Wärmewende eine wichtige Rolle spielen. Da viele Netze noch neu errichtet und bestehende ausgebaut werden müssen, sollte dieses von Anfang an möglichst weitgehend mit der Qualitätsstufe Wärmenetze der 4. Generation erfolgen.

Anspruch und Wirklichkeit

Eine spannende Frage dabei ist, wie hoch der Anteil der Wärmenetze hierzulande in Zukunft sein wird. Das ifeu Institut für Energie und Umweltforschung Heidelberg hat im Rahmen einer Studie errechnet, dass die ökonomische Grenze bei 30 Prozent des Nutzwärmebedarfs liegt, wenn die Netze schnell (innerhalb von 10 bis 15 Jahren) gebaut werden. Erfolgt der Ausbau langsamer, verschiebt sich die Grenze aufgrund der zunehmenden Wärmedämmung im Gebäudebestand nach unten, so die Studie. In der Diskussion während des Kongresses am 11. Juni wurde deshalb der große Unterschied zum jetzigen Stand in Dänemark und zu den dortigen Ausbauzielen thematisiert. Dabei zeigte sich, dass die Frage nach dem zukünftigen Anteil der Wärmenetze in Deutschland derzeit nicht abschließend beantwortet werden kann. Die ökonomischen Grenzen des Ausbaus von Wärmenetzen verschieben sich auf jeden Fall nach oben, wenn in der Rechnung wesentliche Parameter variiert werden, wie z. B. höhere Werte für den Anschlussgrad.

Da der politische Rahmen für die Wärmewende in Deutschland bislang nicht die Konsistenz und Langfristigkeit wie in Dänemark aufweist, sondern eher durch Unentschlossenheit gekennzeichnet ist, herrscht ein hoher Handlungsdruck. Die dafür notwendigen politischen Instrumente liegen eigentlich auf der Hand. Wie Martin Pehnt vom ifeu jedoch ausführte, befinden sie sich aufgrund der aktuellen Lage jedoch in weiter politischer Ferne.

Kommunale Wärmeplanung in Dänemark

Ein sehr wichtiges Element in Dänemark ist die verpflichtende kommunale Wärmeplanung, die als ein Bestandteil des Gesamtpakets vor fast 40 Jahren eingeführt wurde. Der gesetzliche Rahmen entwickelte sich seither ständig weiter, blieb aber immer auf das langfristige Ziel ausgerichtet. Seit 1990 müssen Kommunen die Projektvorschläge prüfen, die die Versorgungsunternehmen vorlegen. Auf nationaler Ebene werden sie dafür jedoch von der Dänischen Energieagentur unterstützt, die eine einheitliche Methodik mit Hilfe sozioökonomischer Kriterien entwickelt hat und einen für alle gültigen Datensatz in Form eines Technologiekatalogs zur Verfügung stellt.

Das Fernwärmenetz in der dänischen Kleinstadt Viborg (35.000 Einwohner) ist ein prägnantes Beispiel dafür, was bei der schrittweisen Umstellung auf Niedertemperatur-Wärmenetze alles möglich ist. Das Netz, das eine gesamte Trassenlänge von 325 Kilometern aufweist, wurde dafür in verschiedene Zonen aufgeteilt. In jeder Zone werden die Vorlauftemperaturen in Abhängigkeit der Art und der Erfordernisse der Abnehmer so niedrig wie möglich eingestellt. Im Stadtzentrum, das mehrheitlich durch ältere Mehrfamilienhäuser geprägt ist, schwanken die Vorlauftemperaturen zum Beispiel zwischen 60 und 70 Grad Celsius.

Was kostet es?

Niedere Betriebstemperaturen von Wärmenetzen steigern die Effizienz der Wärmeerzeugung aus erneuerbaren Energien, ermöglichen die Nutzung zusätzlicher Wärmequellen und verbessern die Leistungsfähigkeit von Speichern. Eine der Herausforderungen für den Betreiber ist dabei die Kostenstruktur: Das Ziel sind am Ende niedrigere Wärmegestehungskosten, die sich jedoch bei Niedrigtemperatur-Fernwärme im Vergleich zur Fernwärme heute aus einem höheren Investitionsanteil und geringeren Betriebskostenanteil zusammensetzen. Es entsteht somit ein höheres Risiko durch höhere Anfangsinvestitionen.

Die typischen Betriebstemperaturen deutscher Wärmenetze sind im Vergleich zu dänischen Systemen im Durchschnitt höher, was auf jeden Fall mehrere Gründe hat. Die Betreiber hierzulande haben somit noch eine lange Entwicklung vor sich. Das deutsche Förderprogramm Wärmenetze 4.0, das im Juli 2017 gestartet ist, dient dazu, auf diesem Weg erste Erfahrungen zu sammeln.

Themen-Camps beim Workshop

Am 12. Juni hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Gelegenheit, in Kleingruppen Lösungsvorschläge selbst zu diskutieren. In drei verschiedenen Camps standen die Themen Wärmeversorgung 2050 mit 100 Prozent erneuerbaren Energien, industrielle Abwärme und solare Wärmenetze auf der Agenda. Ein Format, das mit großem Interesse angenommen und mit Leben gefüllt wurde.

Die Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse aus jeder Gruppe zeigte, dass der Ausbau von Wärmenetzen und die Beschleunigung der Wärmewende nicht an technischen Fragen und Problemen hängen. Wichtig sind vielmehr eine zielgerichtete Planung und die Gestaltung eines langfristigen gesetzlichen Rahmens.

Nächste Schritte

Die Veranstaltungen am 11. und 12. Juni bildeten den Auftakt für den Deutsch-Dänischen Dialog Wärmenetze Baden-Württemberg. Die nächsten Etappen sind:

  • die Jahrestagung des Kompetenzzentrums Wärmenetze Nahwärme kompakt am 8. und 9. Oktober 2018
  • die Besichtigungstour nach Dänemark vom 7. bis 9. November 2018, die sich an Kommunen, Stadtwerke und Wärmeinitiativen vor Ort richtet. Über die Besichtigungstour informieren die regionalen Beratungsinitiativen und das Kompetenzzentrum Wärmenetze rechtzeitig.
  • Nach dem Auftakt besteht nun die Aufgabe darin, die guten Beispiele aus Dänemark zu verstehen und auf Baden-Württemberg zu übertragen. Die dänischen Partner werden diesen Prozess durch einen Mentor, der für den fachlichen Austausch zur Verfügung steht, unterstützen.

Vorträge

Nachfolgend finden Sie zum freien Download sämtliche Vorträge der Veranstaltung. Bitte beachten Sie die Urheberrechte der jeweiligen Autoren. 

Kongress am Montag, 11. Juni 2018

Grundlagen der Wärmewende

History, current status and future heat planning in Denmark, including conversion from natural gas to heat grids
Morten Duedahl, Danish Board of District Heating
Tom Diget, Viborg Fjernvarme, Dänemark

Anforderungen an eine erfolgreiche Wärmewende in Deutschland
Dr. Martin Pehnt, ifeu – Institut für Energie und Umweltforschung Heidelberg GmbH

Sozioökonomische Kriterien - Bewertung externer Effekte der Wärmeversorgung

Grundlagen, Bedeutung und Anwendung in Dänemark
Patrizia Renoth, Dänische Energieagentur

Wie entstehen Wärmenetze in Deutschland? – Ein Blick auf die Erfahrungen der letzten 10 Jahre
Helmut Böhnisch, KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg GmbH

Niedrigtemperatur-Wärmenetze - Umbau bestehender Netze und Neubau

Motivation, Argumente, Herausforderungen
Patrizia Renoth, Dänische Energieagentur

Praxisbeispiel Dänemark I: Abwärme eines großen Rechenzentrums im Fernwärmenetz einer Stadt mit 35.000 Einwohnern
Tom Diget, Viborg Fjernvarme; Dänemark

Practice example Denmark II: Low temperature district heating in the mid-size city Viborg and the capital Copenhagen
Morten Duedahl, Danish Board of District Heating
Tom Diget, Viborg Fjernvarme, Dänemark

Niedertemperaturnetze in Baden-Württemberg – Entwicklungstendenzen und Beispiele
Dirk Mangold, solites Steinbeis-Forschungsinstitut

Praxisbeispiele dänischer Firmen

Aalborg CSP

Danfoss

Drone Systems

EMD International

Grundfos AS

Linka Energy

Logstor

Ramboll

Zusammenfassung, weitere Schritte und Aktivitäten

Weiterer Fahrplan für den Dialog Wärmenetze
Helmut Böhnisch, KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg GmbH

Workshop am Dienstag, 12. Juni 2018

Camp 1: Wärmeversorgung 2050

Herausforderung in Baden-Württemberg
Bene Müller, solarcomplex AG

Perspektiven aus Dänemark
Patrizia Renoth, Dänische Energieagentur
Tom Diget, Viborg Fjernvarme

Ergebnisse des Camps 1 (Flipcharts):
Foto 1
Foto 2
Foto 3

Camp 2: Industrielle Abwärme

Herausforderung in Baden-Württemberg
Udo Woble, Stadtwerk am See GmbH & Co. KG

Perspektiven aus Dänemark
Tom Diget, Viborg Fjernvarme

Ergebnisse des Camps 2 (Flipchart)

Camp 3: Solare Wärmenetze in Baden-Württemberg

Herausforderung in Baden-Württemberg
Oliver Miedaner, solites Steinbeis-Forschungsinstitut
Simona Weisleder, Hamburg Institut

Perspektiven aus Dänemark
Tom Diget, Viborg Fjernvarme

Ergebnisse des Camps 3 (Flipcharts):
Foto 1
Foto 2

Impressionen