18.09.2017

Wärmenetze der 4. Generation helfen Deutschlands Klimaschutzziele zu erreichen

Energieexperten diskutieren am 28. September in Karlsruhe. Veranstalter ist das Kompetenzzentrum Wärmenetze der KEA.


Das Kompetenzzentrum Wärmenetze präsentiert sich mit seinen regionalen Beratungsinitiativen auf der Tagung.

Eine Studie der Denkfabrik Agora Energiewende hat Anfang September bestätigt, was viele Experten seit langem befürchten: Deutschland wird sein Klimaschutzziel deutlich verfehlen. Bleibt es beim heutigen Kurs, wird der Treibhausgasausstoß nur um 30 Prozent anstatt um 40 Prozent bis 2020 sinken. Besonders im Gebäudesektor hinken Privatleute, Unternehmen und Kommunen den Vorgaben hinterher. Wie sie mit modernen Wärmenetzen der vierten Generation die Basis für eine klimafreundliche Wärmeversorgung von Gebäuden schaffen können, zeigen Experten aus Forschung und Industrie am 28. September 2017 in Karlsruhe auf der Fachtagung „Nahwärme kompakt“. Im Zentrum der Tagung stehen neue nationale und internationale Erfahrungen. Veranstalter ist das Kompetenzzentrum Wärmenetze der KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg.

Ein Wärmenetz besteht aus einem oder mehreren zentralen Wärmeerzeugern, Wärmeleitungen und Wärmeabnehmern. Die Wärme etwa aus einem Blockheizkraftwerk wird über Rohrleitungen den Verbrauchern in Schulen, Krankenhäusern, Hotels oder Wohngebäuden zur Verfügung gestellt. Moderne Wärmenetze, auch als Wärmenetze der vierten Generation bezeichnet, zeichnen sich durch einen hohen Anteil an erneuerbaren Energien, den Einsatz von Kraft-Wärme-Kopplung, minimierten Wärmeverlusten sowie der Integration großer thermischer Speicher aus. Sie könnten künftig verstärkt auch hierzulande realisiert werden: Seit 1. Juli gibt es von der BAFA Fördergelder für Wärmenetz-Modellprojekte. Es winken bis zu 15 Millionen Euro pro Vorhaben.

Nationale und internationale Erfahrungen

Tagungsort von „Nahwärme kompakt“ ist die Industrie- und Handelskammer Karlsruhe. Staatssekretär Dr. André Baumann vom Umweltministerium Baden-Württemberg hält den Einführungsvortrag. Über Erfahrungen aus einem solar gespeisten Wärmenetz in Dänemark berichtet Johan Frey von Dronninglund Fjernvarme. Dr. Martin Pehnt, Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu), spricht über die Rahmenbedingungen für Wärmenetzsysteme der vierten Generation. Zum Programm gehören sieben weitere Vorträge und eine Podiumsdiskussion: www.energiekompetenz-bw.de/events.

„Auf der diesjährigen ‚Nahwärme kompakt‘ stehen unter anderem die Erfahrungen aus Dänemark im Fokus“, sagt Helmut Böhnisch, Leiter des Kompetenzzentrums Wärmenetze. Auf der Fachtagung wird aber auch diskutiert, welche Schritte in Deutschland in den nächsten Jahren notwendig sind, um bis 2050 das angestrebte Ziel einer erfolgreichen Wärmewende zu erreichen.

Technische Fortschritte – Vorbild Dänemark

Die Agora Energiewende hat die ernüchternden Ergebnisse der Klimastudie am 7. September 2017 veröffentlicht. Ohne kräftiges Gegensteuern erreicht die Bundesrepublik nur drei Viertel seines Klimaziels. Ein wichtiger Baustein, um die CO2-Einsparung doch zu erreichen, sind Wärmenetze. In den vergangenen Jahren sind große technische Fortschritte erzielt worden. Viele Einzelkomponenten arbeiten effizienter denn je. Die Einbindung erneuerbarer Energien in Wärmenetze wie etwa große solarthermische Anlagen gerät ebenfalls immer mehr in den Fokus. Eine Studie im Rahmen des Projekts SolnetBW aus dem Jahr 2015 hat ergeben, dass Wärmenetze in Baden-Württemberg bis zu einem Anteil von 15 Prozent kostengünstig mit Sonnenenergie versorgt und damit noch umweltfreundlicher werden könnten.

Vor allem in Dänemark sind inzwischen zahlreiche Großanlagen installiert; beim nördlichen Nachbar ist die dezentrale Einspeisung durch Solarenergie am weitesten fortgeschritten. Die Kommune Dronninglund etwa hat ein Wärmenetz errichtet, das mit 1.350 Wärmekunden nahezu den gesamten Ort versorgt. Wärme liefert eine große solarthermische Anlage mit einer Fläche von 37.600 Quadratmetern. So etwas ist auch im sonnigen Südwesten möglich.

Wärmewende muss an Fahrt aufnehmen

50 Prozent des Endenergieverbrauchs in Deutschland entfällt auf den Wärmesektor. Dort bietet sich auch ein immenses CO2-Einsparpotenzial. Für eine zukunftsweisende Wärmeversorgung muss der Wärmebedarf von Gebäuden konsequent reduziert und der Restwärmebedarf vornehmlich auf Basis erneuerbarer Energien gedeckt werden. Wärmenetze sind hierfür prädestiniert. Sie erleichtern zudem die Nutzung energieeffizienter Kraft-Wärme-Kopplung und Abwärme in erheblichem Maße.

Privatpersonen und Unternehmen können Wärmenetze nutzen und von ihnen profitieren: Wer einen Anschluss hat, muss sich nicht mehr um die Heizungsanlage kümmern und treibt die klimafreundliche Wärmeversorgung voran. Auch für Kommunen ergeben sich Vorteile: Sie erhöhen ihre Versorgungssicherheit und halten die Wertschöpfung im Ort. Und für Stadtwerke und Genossenschaften sind die langjährigen Verträge mit den Kunden interessant.

„Wärmenetze können künftig das Rückgrat der Wärmeversorgung bilden“, so Böhnisch. „Besonders in Kombination mit Speichern sind die Aussichten positiv. Speicher haben Kapazitäten von wenigen Stunden oder Tagen bis hin zur saisonalen Langzeitspeicherung über Monate.“ Wärmenetze kombinieren darüber hinaus sinnvoll verschiedene Techniken zur Wärmeerzeugung und können auch die Wärmeversorgung mit dem Stromsektor koppeln. Damit wird die Energieversorgung besonders flexibel. Auch das Thema Sektorkopplung wird daher Thema der Fachtagung sein.

Die Vorträge und Impressionen von der Tagung stehen ab Anfang Oktober hier online.